Wer sich bei Wikipedia über den Raiffeisen RHC Wolfurt informieren will, kann das in verschiedenen Sprachen tun. Englisch, zum Beispiel. Oder Spanisch oder Italienisch. Deutsch ist allerdings nicht dabei. „Ich kann mir das nur so erklären, dass wir in den Gegenden, in denen Rollhockey einen hohen Stellenwert hat, durchaus einen großen Bekanntheitsgrad haben“, sagt Obmann Marc Kirchberger. „Als wir 2025 unsere 35-Jahr-Feier hatten, bekamen wir Legionärsgrüße aus der ganzen Welt.“
In Österreich dagegen fristet die rasante Sportart, die man als Eishockey auf Rollschuhen bezeichnen kann, ein Nischen-Dasein. Was man allein daran erkennt, dass außerhalb Vorarlbergs, wo es einen brisanten Zweikampf zwischen Wolfurt und Dornbirn um die Vorherrschaft im westlichsten Bundesland gibt, keine weiteren Vereine in dieser Sportart mehr existieren.
Deshalb mischen die Wolfurter seit 2019 in der Schweizer Nationalliga mit – noch so ein Kuriosum, das nicht alltäglich ist. „Am Anfang war man dort skeptisch, wir mussten erst Überzeugungsarbeit leisten. Doch irgendwann haben sie gesehen, wie nachhaltig und ernsthaft wir diesen Sport betreiben“, sagt Kirchberger. Und verweist darauf, dass man in der mittlerweile sieben Jahre währenden Zugehörigkeit erst einmal abgestiegen ist. „Und das lag nicht einmal an unseren sportlichen Qualitäten, sondern daran, dass unser damaliger spanisch sprechender Trainer seine Ideen nicht ausreichend kommunizieren konnte.“ Doch der Fehler wurde schnell korrigiert, 2025 gelang der sofortige Wiederaufstieg.
In diesem Sommer war es allerdings noch einmal richtig knapp. In der sogenannten „Play-out-Serie“, in der sich vier Mannschaften gegen den Abstieg duellieren, kam es im entscheidenden Vergleich ausgerechnet zum Showdown mit dem Lokalrivalen RHC Dornbirn, der als zweites österreichisches Team bei den Eidgenossen mitspielen darf. Der Klassenerhalt gelang, was für großes Aufatmen in Wolfurt sorgte. „Auf der einen Seite war es natürlich eine große Genugtuung, unseren Erzrivalen nach unten zu schießen“, gibt Kirchberger zu. „Andererseits fehlt uns jetzt das große Derby auf Liga-Niveau. Denn wir spielen natürlich lieber gegen Dornbirn als gegen weit entfernte Schweizer Teams.“
Vorarlberger Unikum
Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass sich die Spieler beider Klubs untereinander gut verstehen, da sie gemeinsam die österreichische Nationalmannschaft bilden und dort Seite an Seite für den rot-weiß-roten Erfolg kämpfen. Wie im kommenden Oktober, wenn es in Paraguay um WM-Medaillen geht. Da wird dann die Vorarlberg-Auswahl zum Nationalteam. „Wobei sich jeder wünschen würde, dass es auch östlich von uns wieder Mannschaften gibt, die Rollhockey auf professionellem Niveau betreiben“, sagt Kirchberger.
Kaum jemand kann den Herzschlag des RHC Wolfurt besser messen als der Mann, der im zivilen Leben als Speditions-Kaufmann arbeitet. Der heute 50-Jährige war als Teenager schon dabei, als Fritz Theurer den Verein 1990 gründete. Als Reaktion auf den Eishockey-Boom, den die VEU Feldkirch mit ihren nationalen wie internationalen Erfolgen auslöste. „Jeder wollte so sein wie Rick Nasheim oder Gerhard Puschnik, es gab in Vorarlberg aber kaum Eishallen“, erinnert er sich. Also spielte man auf irgendwelchen Parkplätzen und schnallte sich Rollschuhe unter die Füße, anstatt eines Pucks nahm man einen Tennisball. „Fritz Theurer hat unseren Enthusiasmus aufgenommen und in geordnete Bahnen gelenkt. Ein Visionär, der bei der Gemeinde vorgesprochen und für professionelle Strukturen gesorgt hat“, sagt Kirchberger, der später Kapitän der Mannschaft und nach seiner aktiven Karriere Jugendleiter wurde. Bis 2018 die Stelle des Obmanns frei wurde und die logische Wahl auf ihn fiel. „Das war auch die Zeit, als die Raiffeisenbank am Hofsteig bei uns einstieg und auch das Namenssponsoring übernahm. Was damals ein wichtiger Schritt für uns war.“



Große Pläne
So konnte der begonnene Aufwärtstrend auch während und nach der Corona-Zeit nahtlos fortgesetzt werden. Mittlerweile gibt es drei Kampfmannschaften und neun Jugend-Teams, die 150 aktive Spieler beherbergen, dazu kommen etwa weitere 100 passive Mitglieder. Vor allem die Nachwuchs-Arbeit liegt dem Verein am Herzen, was auch die entsprechenden Erfolge abbilden. So wurde die U17 bereits zweimal Meister in der Schweiz, die U20 stand dieses Jahr im Finale um den Titel. „Bis jetzt hat unsere erste Mannschaft immer den einen oder anderen Legionär zur Verstärkung gehabt, aber unser Ziel ist es, dass wir eines Tages ausschließlich mit Spielern aus unserer Region antreten, die wir selbst ausgebildet haben“, sagt Kirchberger. Dafür wird viel investiert, das Training für die Kids wird oft von etablierten Spielern der Kampfmannschaft geleitet. Kirchberger: „In dem Punkt machen wir keine Kompromisse: Die Jugend ist unsere Zukunft!“
Nicht das einzige Projekt, das der Familienvater, dessen Sohn Tobias ebenfalls hoch talentierter Spieler des RHC ist, im Kopf hat. Ein neues Klubheim soll her, eine Frauen-Mannschaft aufgebaut werden, da es bis jetzt nur über eine Kooperation mit Dornbirn ein Damen-Team gibt. Und seine eigene Nachfolge soll geregelt werden, damit wieder frischer Wind durch den Verein wehen kann.
Doch vor alledem steht das kurzfristige Ziel, auch in der am kommenden Wochenende beginnenden Saison wieder den Klassenerhalt in der Nationalliga A zu schaffen. Was kein leichtes Unterfangen wird. Denn der andorranische National-Spieler und Teamleader Arnau Dilme legt aus privaten Gründen ein Jahr Spielpause ein, die Lücke soll von jungen Nachwuchsspielern ausgefüllt werden. Dazu kommt, dass die Konkurrenz massiv aufgerüstet hat. „Nachdem auch im kommenden Jahr wieder viele junge Spieler bei uns nachrücken wollen, wäre ein Abstieg eine Katastrophe, das wollen wir unbedingt vermeiden“, gibt Kirchberger die Marschroute vor.
Und natürlich will man auch den nationalen Titel in Österreich verteidigen, der im internen Vorarlberg-Duell mit Dornbirn in Hin- und Rückspiel ausgespielt wird. „Man darf diese Spiele nicht unterschätzen“, sagt er. „Fans und Medien werden von der Rivalität angezündet, da geht es richtig heiß her, die Halle platzt aus allen Nähten. Es geht viel mehr um Prestige und Ehre als um das rein Sportliche.“ Und alle sind heiß auf die Frage: Wer ist die Nummer 1 im „Ländle“?








