Wotrubakirche: Vom Skandal- zum Kultbau

50 Jahre und noch immer eine Wucht – die „Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit“ am Wiener Georgenberg, besser bekannt als Wotrubakirche.

Es war eine illustre Runde, die sich am 24. Oktober 1976 in Wien-Liesing zur Einweihung des nach den Entwürfen des österreichischen Bildhauers Fritz Wotruba errichteten Kirchenbaus einfand. Wirft man einen Blick auf eine im Fotoarchiv des Belvederes verwahrte Aufnahme, lässt dies eher an einen offiziellen Staatsakt denken als an eine Kirchenweihe am Wiener Stadtrand. Neben der Witwe des ein Jahr zuvor verstorbenen Bildhauers, Lucy Wotruba, sind der Industrielle Manfred Mautner-Markhof, der für die Weihe ­ver­antwortliche Erzbischof Franz Jachym, der damalige österreichische Bundeskanzler, Bruno Kreisky, sowie der Wiener ÖVP-Landesparteiobmann Erhard Busek und der Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Anton Benya, deutlich zu erkennen. 

Der Österreichische Gewerkschaftsbund hatte sich ebenso wie die Stadt Wien mit einer Million Schilling am Bau der Kirche beteiligt. Für die Aufbringung der Spendengelder zeichnete ein von Margarethe Ottillinger ins Leben gerufener Verein verantwortlich. 

Von Steinbach auf den Georgenberg 

Die Vorstandsdirektorin der ÖMV, der Österreichischen Mineralölverwaltung, war zu jener Zeit nicht nur eine der ersten Frauen, die in Österreich eine leitende Position im Bereich der Schwerindustrie innehatten, sondern zudem auch äußerst gut vernetzt. Als gebürtige Steinbacherin war sie von einer kleinen Gruppe von Karmelitinnen aus dem Ordenshaus Sankt Josef in Wien-Baumgarten gefragt worden, ob sie ihnen beim Bau eines neu gegründeten Karmels (Klosters) mit Kirche in Steinbach unter die Arme greifen könnte. Für die künstlerische Umsetzung war ihr vom Prälaten Leopold Ungar der bereits renommierte österreichische Bildhauer Fritz Wotruba empfohlen worden. Doch das Projekt, das bereits in Modellform heftige Diskussionen hervorzurufen verstand, scheiterte letztendlich aufgrund kircheninterner Streitigkeiten. 

Auf der Suche nach einem Platz für das nunmehr auf den Bau einer Kirche beschränkte Projekt wurde man schließlich am Wiener Georgenberg fündig, wo das Kirchengebäude auch in der Folge noch so manches Gemüt erregte. Die Palette der Beschreibungen, mit der das aus insgesamt 135 übereinander geschichteten und ineinander verschachtelten Betonblöcken bestehende Gebäude im Laufe seiner Geschichte bedacht wurde, reicht von einer Art modernem Stonehenge über einen willkürlich hingeworfenen „Stanahaufn“ bis hin zur überdimensionalen begehbaren Plastik. Ottillinger selbst soll die Kirche laut der österreichischen Journalistin und Buchautorin Ingeborg Schödl als ein „Bollwerk des Glaubens“ gegen den Kommunismus verstanden haben.

„Ein Bollwerk des Glaubens“

Dass in Ottillinger der Wunsch keimte, ein ebensolches Bollwerk zu errichten, dürfte untrennbar mit ihren Erfahrungen während ihrer siebenjährigen Haft in der Sowjetunion in Verbindung stehen. Die junge Ökonomin war am 5. November 1948 auf der Ennsbrücke von sowjetischen Soldaten wegen Spionageverdachts verhaftet worden. Als Leiterin der Planungssektion des Bundesministeriums für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung hatte sie unter anderem an der Vorbereitung der Marshallplanhilfe für Österreich mitgewirkt. Von dem für die USA tätigen österreichischen Agenten Alfred Fockler schwer belastet und von ihrem Vorgesetzten, dem Bundesminister für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung Peter Krauland, ihrem Schicksal überlassen, musste sie unzählige Verhöre und psychische Folter über sich ergehen lassen, bevor man sie in einem Viehwaggon in die Sowjetunion deportierte. 

Das Ende ihrer Tortur in einigen der berüchtigtsten Gefängnisse und Arbeitslager brachte schließlich eine Amnestie im Zuge der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags am 15. Mai 1955. Wenige Wochen später traf Ottillinger von Krankheit erschöpft gemeinsam mit 185 anderen Heimkehrern am Bahnhof in Wiener Neustadt ein. Ihre seit der Verkündung der Amnestie angestrebte vollständige Rehabilitierung im Jahr 1994 sollte sie jedoch nicht mehr erleben. Sie starb am 30. November 1992. Seit 2012 trägt der Vorplatz direkt vor der Kirche ihren Namen. 

Ein Ort des Gebets und der Kreativität 

2019 wurde ein Zubau mit Lift auf dem Gelände eröffnet. Für den barrierefreien Zugang zeichneten die Architekten von „formann 2 puschmann“ verantwortlich. Der Architekt der Kirche, Fritz Gerhard Mayr, der Wotrubas künstlerischen Entwurf in konkrete Baupläne übersetzt hatte, hatte sich im Vorfeld mit den Veränderungen wenig glücklich gezeigt – sollte seine Meinung jedoch anlässlich der Eröffnung schließlich revidieren. Grund für die Umgestaltung des Geländes (bei der die Oberkirche selbst unangetastet blieb) war der Wunsch, die Kirche barrierefrei zugänglich zu machen und allen Gemeindemitgliedern die Teilnahme an den Gottesdiensten zu ermöglichen. 

An Sonn- und Feiertagen wird um 9.30 Uhr gemeinsam Gottesdienst gefeiert, mittwochs gibt es um 18.30 Uhr eine Cursillomesse und auch für die jüngsten Besucher veranstaltet man einen eigenen Kinderwortgottesdienst im Saal unter der Kirche. Wer sich schlicht für die Architektur interessiert, hat immer am Wochenende Gelegenheit, das Gebäude zu besuchen und unter anderem im Rahmen von Führungen (für Gruppen auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten) mehr über die Entstehungsgeschichte zu erfahren. Kreativen steht die Kirche zudem auch für Veranstaltungen offen. So hat in der Vergangenheit schon so manchem Star beziehungsweise Sternchen das Gebäude als Bühne gedient. 

Eine zum Jubiläumsjahr zusammengestellte virtuelle Ausstellung zeigt unter anderem Fotos von Schauspieler Rami Malek („Mr. Robot“ und „Bohemian Rhapsody“) beim Werbeshooting sowie zahlreiche unterschiedliche Musik- und Tanzvideos – vom „Schmusechor“ über die düsteren Klänge von Gilbert Handlers „Elektrische Archetypen“ bis hin zum Reel zur neuen Single „Angst vor der Angst“ von Lucas Fendrich. Die Wotrubakirche ist damit längst auch zum fixen Bestandteil der Wiener Kulturlandschaft geworden und versteht es auch nach 50 Jahren noch, eine gute Figur zu machen.

AusgabeRZ43-2026

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