Gustave Courbet ging es nicht darum, eine heile Welt zu zeichnen – er zeigt in seinen Werken unverschönten Realismus, malt Akte mit schmutzigen Füßen, bringt einfache Alltagsszenen in monumentaler Größe und verewigt seine sozialistische Überzeugung auf der Leinwand. Im Wiener Leopoldmuseum kann man seit 19. Februar 130 Exponate des ersten und wichtigsten Vertreters des französischen Realismus sehen.
„Seine Variationsbreite ist atemberaubend“, wie Museumsdirektor Hans-Peter Wipplinger das Werk Courbets, das von Landschafts- und Jagdbildern über Akte und Porträts bis zu politisch motivierten Szenen reicht, beschreibt. Geboren 1819 im ostfranzösischen Ornans, entdeckt Courbet schon früh seine Liebe zur Kunst. Im Petit séminaire wird er von seinem Lehrer Claude-Antoine Beau dazu angeleitet, in der freien Natur zu malen. Die Abbildung von Landschaften zieht sich seitdem durch sein gesamtes Werk. Immer wieder kehrt er nach Ornans zurück, um die Natur seiner Kindheit und Jugend zu malen. Dazu kamen eine Serie von Grottendarstellungen, Meermotive und die Schweizer Berge und Seen, die in den letzten Jahren seines Lebens eine große Rolle spielten.
Gegen Konventionen
Von seinen zu Beginn im romantischen Stil gehaltenen Bildern entfernt sich der Künstler immer mehr, als er im Alter von 20 Jahren nach Paris geht. Dort besucht Courbet Privatakademien und bildet sich autodidaktisch im Louvre am Vorbild alter Meister weiter. Sein erster großer Erfolg am Pariser Salon ist „Nach dem Abendessen in Ornans“, eine Alltagsszene aus seinem Heimatort, die er auf fast zwei mal drei Metern festhielt – und damit den üblichen Konventionen trotzte.
Ein solches Format war Mitte des 19. Jahrhunderts eher Historienbildern vorbehalten, wie Museumsdirektor Hans-Peter Wipplinger erklärt: „Das zeigt seinen Ansatz, die einfachen Leute, die Arbeiter, seine sozialistische Fundierung bildwürdig zu machen.“ Aus dem Alltag entnommen ist auch das kunsthistorisch bedeutende Bild „Die Steinklopfer“, das zwei Steinklopfer in zerschlissener Kleidung bei der Arbeit zeigt. „Es war für ihn das pure Elend, das er hier darstellen wollte“, sagt Wipplinger.
Die Mona-Lisa der Akte
Ein Gemälde, das sogar bis heute für Aufregung sorgt, ist „Der Ursprung der Welt“, ein Auftragswerk, das Courbet für einen Diplomaten angefertigt hat. Abgebildet ist die Geliebte des Auftraggebers, und zwar in einer angeschnittenen, nahezu pornografischen Pose, die „den männlichen Blick“ auf den nackten Körper symbolisiert. „Es ist die Mona-Lisa der Akte“, hat ein französischer Journalist einmal geschrieben, wie Wipplinger erzählt. Bis heute wird das Werk, das außergewöhnlich realistisch, fast klinisch gemalt ist und bisher nur drei Mal auf Reisen war, viel besprochen und auch kritisiert. Im Rahmen einer geplanten Diskussionsrunde möchte das Museum diesem künstlerischen Diskurs – auch aus psychoanalytischer Sicht – entsprechend Raum geben.
Auch wenn es das bekannteste Werk Courbets ist, ist Wipplinger daran gelegen, dass der Akt den anderen Bildern „nicht die Show stiehlt“. Denn Gustave Courbet war auch ein großer Porträtist, wie Niklaus Manuel Güdel, Kurator der Ausstellung, betont. Die Schau zeigt viele Selbstporträts, genauso wie Auftragswerke. Auch hier bricht der Künstler Konventionen, indem er etwa Porträt-Zeichnungen im Pariser Salon ausstellt, die als eigenständiges Werk und nicht als Vorzeichnung zu verstehen sind.

Fokus auf Landschaften
In politischer Hinsicht kann sich Courbet ebenfalls nicht mit dem Mainstream, sprich der 1870 ausgerufenen Dritten Französischen Republik, anfreunden. Er verbringt seine letzten Jahre im Exil in der Schweiz, wo er sich wieder der Landschaftsmalerei zuwendet. Die Schweizer Bergwelt und der Genfer See sind seine bevorzugten Motive. Sechs seiner Werke wurden 1873 sogar in Wien, ein Sehnsuchtsort Courbets, ausgestellt – zwar nicht wie geplant bei der Weltausstellung, aber im Österreichischen Kulturverein. Er selbst hat es nicht mehr geschafft dorthin zu reisen. 1877 verstarb der Künstler am Genfer See.









